„Klassik plus …“

Über die Orchesterarbeit an der Goetheschule aus aktueller Sicht, ergänzt im März 2017 (in roter Schrift)

Einerseits ist in der Gegenwart an unterschiedlichsten Orten immer wieder davon die Rede, dass „die Klassik auf dem absteigenden Ast“ sei. Andererseits gibt es gerade an der Goetheschule nach wie vor zahlreiche Belege dafür, dass mit dieser Aussage überhaupt kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben werden kann.

Erst das gerade hinter uns liegende „Solistenkonzert“ (dieses Konzert findet ein- bis zweimal jährlich in unserer Schulaula statt. Es treten äußerst talentierte junge Musiker aus sämtlichen Schulstufen solistisch oder auch in kleinen, kammermusikalischen Besetzungen auf) ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass vor allem die noch sehr jungen Instrumentalisten nach wie vor den Wert und die hohe Qualität klassischer Musik schätzen. Sie erachten es als lohnenswert, sich über Wochen hinweg auf dieses Ereignis vorzubereiten, d. h. an ihren Beiträgen – meist auch gemeinsam mit ihren Instrumentallehrern – zu feilen bzw. zusammen mit ihren Mitstreitern das Dargebotene auf ein möglichst hohes Niveau zu bringen.

Natürlich handelt es sich hier nicht um „Profimusiker“. Bewundernswert ist jedoch der Zugang dieser jungen Menschen zur Musik sowie auch ihre Art, diese den Zuhörern zu präsentieren, nämlich äußerst „professionell“ im eigentlichen Sinne: sich geradezu „berufen“ zu fühlen, die von ihnen ausgewählte Musik mit dem höchstmöglichen Maß sowohl technischen Könnens als auch musikalischen Einfühlungsvermögens und natürlich mit der gebotenen Ernsthaftigkeit dem Publikum zu Gehör zu bringen. – Anspruch, sauberes technisches Arbeiten, Empathiefähigkeit, Ernsthaftigkeit u. Ä. sind im Übrigen Kompetenzen, die insbesondere in Verbindung mit klassischer Musik trainiert werden und die zugleich aber auch in vielfältigen Berufen zu späterer Zeit eine entscheidende Hilfe darstellen können. Natürlich ist unser primäres Ziel nicht die Heranbildung von Nachwuchskünstlern, wenngleich dies ab und an vorkommen mag; wichtiger ist uns hingegen die Förderung junger Persönlichkeiten – und dass hierbei die klassische Musik einen entscheidenden Beitrag leisten kann, wurde aus wissenschaftlich-empirischer Sicht ja bereits mehrfach unter Beweis gestellt.

Beliebtes Orchester

Sicherlich hat das Instrumentalspiel nicht für alle eine solch extrem hohe Bedeutung wie für die Teilnehmer unserer Solistenkonzerte; aber gerade deshalb ist ein weiteres Phänomen von umso größerem Wert: der nach wie vor riesige Zulauf, zum einen hinsichtlich junger Instrumentalisten, die sich Jahr für Jahr an unserer Schule anmelden, zum anderen – dies ist sicherlich auch ein zentraler Grund für diese Anmeldungen – mit Blick auf die jungen Musiker, die dann entsprechend unserem Vororchester beitreten und zu späterer Zeit ins Hauptorchester überwechseln. – Natürlich nehmen viele der am Solistenkonzert beteiligten Schüler in den Orchestern unserer Schule Schlüsselpositionen ein; doch umso erstaunlicher ist die Leidenschaft auch vieler anderer Musiker, die sich – oft auch mit für sie neuen Instrumenten (wie z. B. Oboe, Fagott, Bratsche oder Kontrabass) – ins Orchester „trauen“, die bereit sind, mitgestalten zu wollen und die ihr spielerisches Können im Laufe der Jahre durchaus erheblich verbessern. Entscheidend ist sicherlich der auch in unserem Orchester spürbare olympische Gedanke („Dabei sein ist alles“): in einem solch (nach wie vor!) großen Orchester nicht alleine auf einer Bühne stehen oder sitzen zu müssen, sondern Teil eines großen Teams, einer großen (Arbeits-)Gemeinschaft zu sein und auf eben dieser Grundlage (und dies geht über den olympischen Gedanken sogar hinaus!) gemeinsam Weiterentwicklung, Fortschritt und schließlich auch Erfolg erfahren zu dürfen, und zwar ohne dass Angst oder allzu viel Lampenfieber dabei aufkommen.

Gesamtkonzept des musischen Bereichs

Ein weiterer zentraler Aspekt ist sicherlich auch – neben der gerade beschriebenen quasi olympischen Grundidee – das zu Grunde liegende Gesamtkonzept unseres musischen Bereichs: Es gibt für den Orchester- und Chorbereich jeweils eine hauptverantwortliche Kraft, die quasi „Talentförderung aus einer Hand“ praktiziert und z. B. auch darüber entscheidet, welcher Schüler zu welchem Zeitpunkt ins Hauptorchester wechseln kann. Darüber hinaus ist die Zusammenarbeit zwischen Chor und Orchester nach wie vor problemlos – auch nachdem die Fachschaft Musik durch Musiklehrer und Orchesterleiter Marcus Schönwitz erweitert wurde: Die Arbeit im Team erweist sich als anhaltend harmonisch (im doppelten Sinne!) und erfolgreich, und zwar gemessen an der Resonanz, etwa im Anschluss an unsere Konzerte.

Als klug lässt sich an dieser Stelle zudem ein weiterer nach wie vor unveränderter Pfeiler des Gesamtkonzepts bezeichnen (im Übrigen ein für mich zentraler Grund, Orchesterleiter an der Goetheschule zu werden; Anm. v. M. Schönwitz), nicht etwa komplette Werke ‚durchzupauken’, sondern auch einzelne Sätze aus größeren Werken herauszugreifen, um diese dann wiederum zu einem zu den Schülern und ihren jeweiligen Möglichkeiten passenden Programm zu verbinden. Dafür müssen dann natürlich auch Werke neu arrangiert oder Stimmen vereinfacht oder aber hinzugefügt werden (Warum sollen nicht auch z. B. die Saxophonisten in den Genuss kommen, bei Werken von Mendelssohn oder Weber mitwirken zu dürfen?). – D. h.: Das pädagogische Anliegen geht, wie bereits zu Zeiten der „Musischen Bildung“, dem künstlerischen voran; dass ein hiermit einhergehend hoher Grad an Schülerorientierung wiederum auch für ein hohes künstlerisches Niveau sorgt, liegt da natürlich auf der Hand. Eine Hauptursache hierfür ist in der anhaltend hohen Motivation der Orchestermitglieder zu sehen, Zeit für „die Sache“ bzw. das gemeinsame Anliegen zu opfern, Woche für Woche in den Mittwochabendstunden oder gelegentlich auch an Samstagen. Auch dies ist ein weiterer Beleg für die oben bereits genannte Professionalität unserer Musiker. Diese wird wiederum unterstützt durch die Kompromissbereitschaft und -fähigkeit aller an der Sache Beteiligten, gerade mit Blick auf die stetig steigende Belastungsdichte der Schüler. So kommt es immer wieder zu kurzfristigen Absagen aufgrund zunehmender Klassenarbeits- und Klausurbelastungen (z. B. nimmt die Prüfungsphase im Zentralabitur einen äußerst hohen zeitlichen Gesamtumfang in Anspruch!). Hinzu kommt seit einiger Zeit die Umstellung auf „G8“: Auch wenn die Orchesterarbeit an der Goetheschule von Seiten der Schulleitung große Unterstützung erfährt und die Probenzeit eher außerhalb von „G8“ liegt, ist ggf. damit zu rechnen, dass die Heranwachsenden immer häufiger aufgrund der immens hohen Gesamtbelastung weniger Probenzeit für sich in Anspruch nehmen können bzw. dürfen. Erst jüngst hat der Bundesvorsitzende des Arbeitskreises für Schulmusik, Prof. Dr. Jürgen Terhag, eine bildungspolitische Initiative gegen das „Ensemble-Sterben“ in den musischen Bereichen unserer Schulen ins Leben gerufen. – Sicherlich werden auch wir punktuell in Mitleidenschaft gezogen. Unsere Hoffnung und Überzeugung basiert jedoch zum einen auf der Kompromissbereitschaft unsererseits und zum anderen auf der gerade zurzeit deutlich spürbaren Begeisterung und Leidenschaft der Jugendlichen für die Arbeit in den Schulensembles und dem insgesamt überdurchschnittlich hohen Niveau unserer Chöre und Orchester.

Dass beide Ensembles nach wie vor (im Jahre 2017) auch nach bzw. trotz der Umstellung auf „G8“ ‚schlagkräftig sind, liegt daran, dass wir in der Zeit nach der Umstellung ein entsprechendes Konzept erfolgreich auf den Weg bringen konnten. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass bereits mehr Jüngere im Hauptorchester mitmachen können (und zwar bei den größer besetzten Werken), dass sie dem Vororchester aber erhalten bleiben; hierfür werden die Probenpläne von Vor- und Hauptorchester genauestens aufeinander abgestimmt (dies funktioniert natürlich nur, weil der Orchesterbereich „in einer Hand“ liegt).

Froh sind wir auch darüber, dass nach wie vor die mittlerweile schon legendären Orchesterfahrten nach Mülheim (inzwischen: Essen-Kettwig) bzw. Weikersheim durchgeführt werden können, die nicht nur für den notwendigen künstlerischen „Feinschliff“ sorgen, sondern auch entscheidende Momente der Gemeinschaft, Geselligkeit, Verbundenheit und Freundschaft mit sich bringen. Dies gilt natürlich auch für die Abschlussfahrt der Orchesterabiturienten nach Wien: Diejenigen, die über viele Jahre dem Orchester treu geblieben sind, haben dort noch ein letztes Mal die Chance, Orchestergemeinschaft – eben im kleinen, vertrauten Kreise – zu erfahren und zu leben und darüber hinaus natürlich das besondere Flair dieser schönen Stadt sowie entsprechende kulturelle Highlights (z. B. den Besuch der Staatsoper) genießen und so an kultureller Bildung im weiteren Sinne teilhaben zu dürfen.

Run auf die Konzertkarten

Schließlich ist auch der Erfolg der nach wie vor ca. 300 jungen Musiker in Chor und Orchester immer noch deutlich spürbar, und zwar daran, dass unsere Konzerte sich anhaltend hoher Resonanz erfreuen (bis zu sechs Mal „ausverkauft“ pro Halbjahr, mit jeweils entsprechendem Applaus!); darüber hinaus veranstalten wir auf Anfrage Sonderkonzerte (z. B. für die RWE-Pensionäre), treten mit kleineren Ensembles auf öffentlichen Veranstaltungen wie z. B. dem Bredeneyer Weihnachtsmarkt auf und werden immer wieder angefragt für Sonderkonzerte in umliegenden Institutionen. Zudem gibt es, u. a. als Vertiefung des schulischen Musikunterrichts, regelmäßige Opern- und Konzertbesuche im Aalto-Theater und der Philharmonie Essen, die oft auch von Eltern unserer Schüler begleitet werden.

Beschließen möchten wir unseren Artikel nun mit einem Rück- und einem Ausblick: Es gibt im Grunde keinen besseren Beleg für die Einsatzfreude unserer Schüler – in Chor und Orchester – als der Verweis auf das Schuljahr 2007/08: Im Mittelpunkt unserer Arbeit stand nicht nur die Vorbereitung des Sommerkonzertprogramms (mit anspruchsvollen Werken wie z. B. Beethovens drittem Klavierkonzert, 1. Satz, oder auch einer Auswahl aus Moussorgskys „Bildern einer Ausstellung“), sondern auch die Mitgestaltung unserer schuleigenen Produktion. Ganze zehnmal wirkten die Jugendlichen bei der „Goethlichen Komödie“ mit, jedes Mal im „Schatten“ der Bühnendarsteller; voraus ging bereits ein halbes Jahr regelmäßige Probenarbeit, zusätzlich zu den „normalen“ Proben. – Für 2010 haben wir uns nun als Motto „Klassik plus …“ auf die Fahnen geschrieben. So werden wir „Highlights“ einerseits aus der Klassik – diese soll natürlich auch in Zukunft unser „Kernbereich“ bleiben – einstudieren (z. B. Beethovens „Fünfte“, 1. Satz), andererseits aber auch interessante „Crossovers“ wagen, und zwar mit anspruchsvollen Werken aus dem Bereich des Jazz (z. B. „New York, New York“) und der Filmmusik (z. B. aus Schindlers Liste, Herr der Ringe oder Starwars); die Vorbereitung am heimischen PC läuft bereits …

Inzwischen (in 2017) können wir auf ein paar „Highlights“ der letzten Jahre zurückblicken, die eben immer auch in Verbindung mit dem gerade genannten Motto „Klassik plus …“ stehen und mit denen wir quasi ‚Ausflüge‘ „über den Tellerrand“ hinaus (und auch über unsere Aula hinaus) unternommen haben:

Bereits im Sommer 2010 gab es im Rahmen von „Essen Original“ auf der großen Bühne am Kennedyplatz in Essen eine große Gemeinschaftsaktion von Chor und Orchester (u.a. mit Orffs „Carmina Burana sowie populärer Filmmusik). Es folgten immer wieder kleinere Auftritte unseres Streichquartetts, u.a. im Rathaus (im Rahmen der Einbürgerungsfeiern) und anderen städtischen Institutionen sowie auch zu weiteren öffentlichen Anlässen.

Im Januar 2015 gab es dann einen richtig großen Auftritt vor etwa 5000 Fans in der Grugahalle, die sich dort zu einem Konzert der Metalband „Manowar versammelt hatten; die Band hatte uns als ein Essener Jugendorchester ausgewählt und wir haben dort sowohl Dvořáks Finale „Aus der neuen Welt“ als auch verschiedene sinfonisch-klanggewaltige Metal-Hymnen musiziert. Noch im selben Jahr kam es dann zu einem Begegnungstag und -konzert mit einem Jugendorchester aus Tel Aviv, Essens israelischer Partnerstadt.

Im Jahr 2016 folgte ein ebenfalls spannender Auftritt mit Hindemiths „Wir bauen eine neue Stadt“ in der Essener Kreuzeskirche (eine Veranstaltung der IK Bau NRW mit prominenten Gästen zum Thema „Städtebau in Kooperation mit dem WDR): Hier wurden die Musiker sogar in szenische Aktionen eingebunden, was bei allen Beteiligten r neue und einzigartige Erfahrungen sorgte.

Schließlich blicken wir Chor und Orchester – in 2017 auf ein ganz besonderes Highlight: „Queeny unplugged“. Unser Kooperationspartner, das Essener Aalto-Theater, lässt hierzu verlauten: „In der Spielzeit 2014/2015 sorgte „Queeny“ für einen Überraschungserfolg und absolute Begeisterung bei den Beteiligten und den Besuchern des Aalto Ballett Essen. Auch in dieser Saison bietet das von dem Ballett „Tanzhommage an Queen“ ausgehende Education-Programm Essener Schülern – mit Unterstützung der Compagnie des Aalto Ballett Essen – die Chance, nach fünf Monaten intensiver Proben selbst auf der großen Bühne zu stehen, zu tanzen und sich zu zeigen. Doch „Queeny“ entwickelt sich weiter! In dieser Spielzeit werden einige der Rock-Hits live vom Chor und Orchester der Essener Goetheschule interpretiert, so dass neben dem Tanz auch Musik und Gesang gefördert werden – und die Aufführungen mit noch mehr Power über die Bühne gehen. – So bleibt abschließend, als Ausblick, nur zu sagen: The Show Must Go On …“.

P. S.: Anschließend sei mir an dieser Stelle noch ein persönliches Wort des Dankes an meinen lieben und geschätzten Kollegen Ulli Haucke gestattet, der mir den Einstieg an der Goetheschule wesentlich erleichtert hat und mir bei allen Fragen und Problemen hilfreich zur Seite stand. Unsere vertrauensvollen Absprachen und das hohe Maß an Verständnis füreinander werden sicherlich auch weiterhin die Grundlage für zukünftige gemeinsame Projekte sein. – Ebenso danke ich unserer Chorleiterin Christiane Zywietz-Godland für ihre bisherige tatkräftige Unterstützung und freue mich auf unsere nächsten Jahre gemeinsamer harmonischer Zusammenarbeit!

Marcus G. Schönwitz